Sonntag, 21. Februar 2016

Mein zweites Ich in Scharen

Ist man freier Journalist, steht es einem vor allem frei mit verschiedensten Arbeiten Zeilen und damit Geld machen zu müssen. Zum Beispiel bei Anzeigenblättern. Das ist nämlich ein noch recht leicht verdientes Geld. Ich layoute dort, also baue Texte um Anzeigen drum herum. Das wiederum ist gar nicht so leicht. Aber ich stelle dafür Rechnungen - schwuppdiwupp ist also ein bisschen Krankenkassenbeitrag verdient. Der Doktor müsste sich ohnehin mal kümmern. Ich habe ein zweites Ich entwickelt. Es ist nach den zweiten Vornamen meiner Eltern benannt und es ist ein kleines Phrasenschweinchen, es ist ganz anders als ich sein will. 

Bei meinem zweiten Ich kommen Menschen in Scharen in neu oder wieder eröffnete Geschäfte. Dinge reichen immer von bis - von einem Superduper bis zum nächsten, und sei es nur von Kleidergröße 34 bis 50. Egal, um was es geht: Mit hoher Qualität wird genauso gepunktet wie mit der individuellen und kompetenten Beratung. Ich würde vermutlich sogar bei einem Schnellrestaurant schreiben, dass der Mindestlöhner hinter der Theke mit individueller und kompetenter Beratung punktet, wenn er einem übellaunig nach Schema F einen Burger zusammenbastelt. Und der Kunde findet - auch in meinen Texten - garantiert, was das Herz begehrt. Der Kunde ist König. Erst recht bei einem Anzeigenblatt.

Das Schlimme daran ist, dass das Zeilenhonorar für solche Geschichten ebenso ausfällt wie das für eine echte Story. Ob man nun wirklich recherchiert und die verschiedensten Seiten einer Medaille beleuchtet oder die einseitige Sichtweise eines Anzeigenkunden in so einem Blatt darlegt - Zeitungen und Blättchen haben gleiche beziehungsweise sehr ähnliche, denn leider geringe Zeilen- und Fotohonorare zu bieten. Das heißt: Für eine echte Recherche kommt man am Ende garantiert auf einen Stundenlohn unter Mindestlohn - bekommt also nicht, was man verdient. Beim Anzeigenblatt kann man auch mal 40 Euro in einer Stunde kriegen. 

Das Zitat von George Orwell "Journalism is printing what someone else does not want printed: everything else is public relations." kommt mir daher wie bittere Ironie vor - viel zu schlecht ist es bezahlt, das zu tun, was andere nicht wollen. Dafür ist das, was man eigentlich nicht will umgerechnet zu gut bezahlt. Ich darf froh sein, dass ich ein Pauschalhonorar für die echten Arbeiten bekomme und das andere "nur" Zubrot ist. So rechnet sich das Leben als freier Journalist für mich und auch das zweite Ich.

Kommentare:

André Dreilich hat gesagt…

Oha, das erinnert mich an die viel zu schnell vergangenen guten Zeiten beim "Stadtanzeiger Leipzig"; die sehr kurzen Zeilen wurden mit einem Honorar vergolten, für das Freie bei der einzig am Ort verbliebenen Abozeitung heute töten würden. Und auch diverse Center-Zeitungen hatten durchaus ihren wirtschaftlichen Reiz. Irgendwann habe ich mal eine Überschrift verbrochen, für die ich heute noch verhöhnt werde ... "Mode hat einen Namen - adler" *schäm* Aber ich war jung und brauchte das Geld ...
Die Sache mit dem Pseudonym finde ich daher gut. Aber "Künstlername" wäre auch nicht schlecht ... schließlich ist es durchaus eine Kunst, das zweite Ich solches Zeugs verbrechen und auch noch gut klingen zu lassen.

Jacobs Wege hat gesagt…

Stimmt. Es ist eine Kunst. Und es ist eine, mit der sich gut und schnell Geld verdienen lässt und bei der ich mir immer Mühe gebe, auch da mache ich meinen Job immer gut - Schreiben ist Schreiben. Bisher hatte ich dabei auch nie Gewissensbisse, denn die Anzeigenkunden waren "gute" - in dem Sinne, dass sie nicht Atomstromhersteller oder Massentierhalter waren, da hätte ich dann Probleme und würde ablehnen. Es ist nun mal PR. Meine "beste" Überschrift lautete "Mode-Express rollt wieder" ...