Sonntag, 7. Januar 2018

Deemanzipation in Heftform

Beim Friseur, im Wartezimmer, in der Sauna, vorm Besuch bei meinem Lieblingskosmetiker, lese ich Frauenzeitschriften, gerne die mit Sportbezug. Wo sie doch schon mal rumliegen?! Ich gebe zu: Wann immer die so eine Yoga-DVD vorne aufs Heft kleben, dann kaufe ich sie sogar. Dann bereue ich es. 

Nicht wegen der DVD, die meistens "nur" die Kurz-Version einer bald erscheinenden und zu bewerbenden neuen ist - Inspiration schadet ja nix und beim Thema Yoga bin ich sehr leicht einzufangen, folge diversen Angeboten bei Facebook und habe in dem Bereich so das eine oder andere Ideechen... Ich bereue es, weil ich mich am Ende doch nur über die Heftinhalte aufrege. 

Problemzone Heftinhalt


Es ist eine einzige Abfolge von Kalorienangaben und der Abtrainiererei von Kalorien - und natürlich jeder Menge Werbung. Da gibt es kein Essen nach dem Motto "Schmeckt einfach saulecker und ist nebenbei auch gesund", sondern nur "landet nicht auf der Hüfte" und "drei Runden joggen und das Essen ist abtrainiert". Es gibt keinen Sport, den man, äh frau einfach aus Spaß an der Freude machen könnte. Es geht immer um Effizienz. Es gibt nur Sport, der bestimmte Verbrennungseffekte erzielt oder eine Wirkung auf bestimmte und uns angedichtete Problemzonen hat. Ich wüsste nicht, was an "Bauch, Beine, Po" problematisch sein sollte ... außer wenn ein weißer Hai große Stücke davon entrissen hat, also das ist dann ein echtes Problem.

Und weil - auch irgendwie logisch - sportliche Frauen natürlich nicht (mehr) über die (Selbst)Wahrnehmung der uns Frauen eingebläuten klassischen Problemzonen verfügen oder tatsächlich - oh weh, oh weh! - so ein Selbstbewusstsein haben, dass sie ihnen ganz herzlich am durchaus cellulitären Allerwertesten vorbeigehen (Frauen haben weibliches Bindegewebe. Punkt.), erfinden die Zeitschriften einfach neue Problemzonen. Kleiderbügelschultern zum Beispiel, bei denen die Schultern vom Nacken her abfallen - oder so, keine Ahnung. Monat für Monat kann frau eine andere Unzulänglichkeit an sich finden. Die wird dann wiederum mit speziellen Trainings, Cremes, Klamotten und mehr behoben. Monat für Monat wird was optimiert. Der Ist-Zustand ist nie, nie, niiiiie okay, damit die Maschinerie schön am Laufen bleibt.

Ich kann hier kein Problem feststellen.
Auf dem Cover tun die - speziell die Fitnessmagazine für Frauen - dabei immer so, als ob es ihnen um starke und selbstbewusste Frauen ginge. Das ist Quatsch. Zwischen den Zeilen geht es nie darum, zwischen den Zeilen wird das Selbstbewusstsein fein säuberlich zerlegt und der weibliche Mensch auf seine Figur reduziert.*

Selbst beim von mir so geschätzten Yoga vergreifen sich die Zeitschriften dafür permanent im Ton. Es geht nie um die stabile Mitte, mit der man gleichzeitig in sich ruht. Es geht nicht um die Standfestigkeit. Es geht nicht um die innerliche Balance dank der äußerlichen. Es geht nicht um das erhebende Gefühl, sich selbst auf Händen tragen zu können. Es geht ihnen vor allem darum, dass diese und jene Asanas (so heißen die Körperübungen im Yoga) einen flachen Bauch, einen knackigen Hintern und straffe Beine machen oder in Tops (siehe Modestrecke ab Seite x, plus dazu der sauteure Selbstbräuner von Seite y) optisch toll wirkende Arme formen. Ich kann gar nicht so viel meditieren, wie ich mich darüber aufregen könnte...

Als ich jung war


Das Schlimmste - und zugleich Beste - daran ist, dass ich kurz nach meinem ersten Studium mit zarten 23 mal eine Bewerbung bei einem großen Medienhaus laufen hatte, das auch eine ganze Reihe solcher Zeitschriften herausgibt. Was ein Glück! Ein Vorstellungsgespräch und schon wollten die mich nicht. Mit 33 weiß auch ich: Ich hätte das echt nicht gekonnt.

* Fitnesshefte für die männliche Zielgruppe sind sehr wahrscheinlich keinen Deut besser.

Sonntag, 24. Dezember 2017

Dankbarkeit

Weihnachten. Zeit für den traditionellen Weihnachts-Post so wie hier, hier, hier und hier. Zeit für Dankbarkeit. Natürlich all jenen gegenüber, die mich auf meinem Jacobsweg begleiten. Dankbarkeit für all die Dinge in meinem Leben, die einfach so gut sind und gut laufen. Dankbarkeit, dass ich so eine gute Freuamilie an meiner Seite habe.

Zu spüren bekommen habe ich das unter anderem, als der eigentlich gut gemeinte Plan für 2017 - mein Wechsel von der Selbstständigkeit in die Festanstellung - zum langen Nervenkrieg wurde, bei dem ich nach wie vor nicht ins Detail gehen kann. Wichtig ist das Ende: Ich habe daraus gelernt. Viel. Sehr viel. Das vergesse ich nicht. Und ich will etwas zurückgeben, unter anderem stelle ich mich zur Betriebsratswahl und hoffe, dass ich dann ein paar Sachen im Unternehmen verbessern kann. Wenn ich nicht gewählt werde, bringe ich meine guten Ideen trotzdem ein. Seinen Gestaltungswillen kann man auch hinter den Kulissen ausleben, auch das habe ich gelernt.

Ich habe gelernt, dass ich - solange ich es will - immer ein Auskommen in dieser Branche haben werde. Scheißegal, wie anstrengend mich manch Chef finden mag. Denkt man als Boss an das Produkt, werden Menschen wie ich immer gebraucht. Denn der "journalistische" Nachwuchs ist keine Konkurrenz zu alten Hasen alter Schule wie mir. Es dominieren Ideenlosigkeit und Weichheit, Langsamkeit. Früher war alles besser, wir waren als Anfänger jedenfalls nicht halb so luschig drauf. Nach oben kommen diese Typen vermutlich schon, denn sie sind so flutschigflauschig, dass sie gut in Är... kriechen ... ach, lassen wir das! Ich habe ja aber auch gelernt, dass ich - zumindest momentan - gar nicht nach oben will und mein Gestaltungswillen (siehe oben) andere Ziele kennt.

Ich habe auch gelernt, dass ich meiner Familie dankbar sein kann für meine Erziehung. Eines Tages in diesem Jahr machte ich eine Seite 3 über eine Sportlerin Anfang 30. Am Rande spielte auch deren "Kollegin" eine Rolle, einfach nur durch die Anwesenheit auf Fotos, ansonsten war sie verzichtbar für die Geschichte. Die gekränkte Eitelkeit hätte ich ahnen müssen... Als mir diese Frau Anfang 20 aufgrund einer nach ihrem Geschmack dann falschen Bildauswahl kurz vor Mittag des Erscheinungstages mit leidender Stimme am Telefon Dinge wie "Ich ich ich (schnief) muss versuchen damit klar zu kommen" und "Ich ich ich (schnief) liege noch im Bett, ich muss das alles erstmal verarbeiten" sagte, war ich froh, dass mein Verarbeiten immer schon Aufstehen war. Momente wie dieser geben mir die Gewissheit: Wenn die Zombie-Apokalypse über uns hereinbricht, werde ich in der Lage sein, eine Gruppe Überlebender anzuführen. Die anderen bleiben liegen.

Schauen wir mal, was das Jahr 2018 bringt...

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Die Wahrheit an der Lügenpresse

Donnerstag = Planungstag. An diesem Tag muss jeder Reporter/Redakteur der Redaktion einen Plan abgeben, in dem er auflistet, was er an welchem Ausgabetag der nächsten Woche abliefert – Aufmacher, Kellerbeiträge, Fotos, Anker und die Seite 3. Daraus wiederum entsteht der Wochenplan der Redaktion. Ich sollte also jetzt schon wissen, was am Montag in einer Woche in der Tageszeitung steht. Und ich weiß, welchen Aufmacher mein Kollege am nächsten Donnerstag liefern wird. Schöne Listenwelt ... Und ihre Qualität ist den Beurteilern der Liste so wichtig wie die Quantität der Liste.

Kurzum: Donnerstag ist kein beliebter Tag unter den meisten Redakteuren. Bislang kam ich noch ganz gut zurecht mit diesem Tag und habe – finde ich – immer wieder gute Themen angeboten und davon auch nicht zu knapp. Ich habe mich gefreut auf diese vielen kleinen und großen Projekte der nächsten Tage. Und strukturiertes Arbeiten und Organisation liegen mir ohnehin, ich konnte also in 99 Prozent der Fälle garantieren, dass ich auch liefere, was ich notiert habe. Alles schick.

Nicht mehr. Jetzt mutiert der Donnerstag auch für mich zu einem Montag wie ihn jeder Angestellte fürchtet. Donnerstag? Mäp, hör mir uff mit dem! Donnerstag? Hab ich keinen Bock drauf! Waaaaaas, schon wieder Donnerstag? Och nö, ich möchte lieber liegen bleiben.

Ist klar. Erst recht zum Jahresende. Die Redaktion ist müde, die Kollegen scheinen leer und verbraucht. Jetzt hat es auch mich, mit 33 Jahren das „Küken“ der Redaktion (schlimm genug, dass man in dem Alter die Jüngste einer Redaktion sein kann), auch erwischt. Ich fühle mich noch leerer und noch verbrauchter. Ich bin müde. So kommt Donnerstag X und plötzlich fällt einem nicht mal mehr ein, was man auf den Plan schreiben soll. Weil da nix ist. Keine Idee, kein Funke, keine Lust. Alles 08/15 und manchmal nicht mal das. Kein Kracher. Kein Knaller. Keinen Bock.

Kein Wunder!

Ich habe das mal ausgerechnet. Durchschnittlich schreibe ich – wie vermutlich gefühlt 90 Prozent der Kollegen (bzw. mindestens 90 Prozent fühlen sich so) - täglich bis zu 220 Zeilen. Das ist so ungefähr jeden Tag die Textmenge, die der Mittelbau einer klassischen Zeitungsseite fasst plus drei bis vier kleinere Nachrichten. An Spitzentagen sind es 500 Zeilen. Tage unter 200 Zeilen in den vergangenen Wochen und Monaten fallen mir kaum noch ein, eine Handvoll könnten es sein. Natürlich ist Schreiben mein Job. Und grundsätzlich ist der Job einer der schönsten der Welt. Nur die Umstände sind beschissen.

Jeden Tag solche Textmengen ausstoßen zu müssen, bedeutet schlicht irgendwann geschlaucht zu sein. Das kann nicht anders kommen. Denn es geht ja nicht allein darum, die Zeilen einfach nur zu schreiben. Bis man die Zeilen hat, ist ja jede Menge Arbeit zu tun. Telefonate, Termine, schriftliche Anfragen, Besuche vor Ort, Fotos bzw. die Organisation von Fotos … na Recherche und so eben …

Für Ideen, für Funken, für Kreativität braucht es Luft zum Atmen, die nicht gegeben ist beim Hetzen von einer Zeile zur nächsten. Gute Zeilen allein schon in Sachen Stilistik wachsen davon auch nicht. Für gute Arbeit, gründliche Arbeit und schließlich den Anspruch der vierten Gewalt (... na Recherche und so eben ...) braucht es Zeit, die nicht gegeben ist beim Hetzen von einer Zeile zur nächsten.

Will ich damit jammern? Nö. Also ... jein. Dann könnte ich mir diesen schönen Job woanders suchen und Ruhe is. Genau an diesem Punkt fängt jetzt das Jammern an! Das Jammern über Journalismus heutzutage.

Es geht nicht um mich, es geht nicht um meine Redaktion, es geht nicht um dieses eine Medium. Das ist nur ein Beispiel aus dem konkreten Erleben. Wo auch immer man hinhört und sich mit Redakteuren austauscht, über welche Tageszeitung man auch immer in Branchenmagazinen liest, was auch immer die Gewerkschaften kommunizieren, was auch immer man recherchiert – das Problem ist (fast) überall genau das gleiche. Redaktionen sind personell zu knapp besetzt, immer weniger Leute müssen in Zeiten des Digitalisierungswahns (alles zuerst online, noch ein Video, schnell eine Bildergalerie) immer mehr Arbeit leisten und entfernen sich auch dadurch immer weiter vom Journalismus wie er sein sollte – die abverlangte Quantität killt jede Qualität. Und am Ende schimpft wieder einer Lügenpresse ... und ein Funke Wahrheit ist dran.

Montag, 20. November 2017

Ehrlich sein

"Hm, ich kann momentan nicht versprechen, dass Eure Kinder noch Artikel von mir lesen werden"*, sage ich. Und es fühlt sich richtig und richtig gut an. Gerade hat mich eine 14-Jährige gefragt, ob ich meinen Job bis zur Rente machen möchte. Kann sein, kann anders kommen, sage ich. Und dass ich das so sagen kann, finde ich gut.

Ich bin in diese Klasse von Teenagern gekommen, um gnadenlos ehrlich zu sein. Zu ihnen in erster Linie. Zu mir selbst. Ich finde, dass die Kids das verdient haben. Für einen Monat ist meine Zeitung täglicher Unterrichtsstoff für sie. Und während sie den Autoren des Mathebuchs vermutlich nie in die Finger bekommen - vielleicht besser für denjenigen - dürfen sie mich doch gerne löchern. Das ist der Job. Regelmäßig veranstaltet meine arbeitgebende Zeitung das Projekt an Schulen. Damit soll die Medienkompetenz von der Grundschule an gefördert werden. Das finde ich gut. Medienkompetenz ist wichtig. Aber nicht nur aus diesem Grund mag ich das alles. Im Rahmen des Projekts haben die Schulen die Möglichkeit, sich einen Journalisten einzuladen. Ich lasse mich gerne einladen.

Die richtigen Fragen


Ausnahmsweise stelle nicht ich die Fragen. Ich bekomme sie gestellt. Ich lerne dadurch vielleicht mehr als sie. Nebenbei bringe ich den Schülern bei, was ein Anker und was ein Aufmacher ist, was eine Reportage vom Bericht unterscheidet und worauf es in dem Job ankommt. Die Schüler sind interessiert. Sie machen mit. Die Finger schnepsen immer wieder nach oben. Es werden Notizen gemacht. Es wird gelacht. Sie hören zu. Sie spielen ganz locker mit mir durch, was mit der Ansage "Ab sofort gilt Samstagsschule" alles anzufangen ist und wie wir die gemeinsam von der Nachricht bis zur Reportage umsetzen könnten. Und plötzlich denke ich: "Ach, gucke an, du hast vielleicht noch mehr Talente als nur das eine."**

Tatsächlich habe ich nämlich lange geglaubt, ich könne nur (Lokal)Journalismus. Keine Frage, ich bin ein guter bis oft sogar sehr guter Journalist. Ich kann das. Das Problem ist vielleicht aber mein "Immer schon" auf die Frage des Mädchens vorne links, ob ich das schon immer machen wollte. Ja, immer schon wollte ich das und tatsächlich zählt eine Entscheidung im Alter von 9 bei einem Lebensalter von fast 34 wohl als "immer". Das war gut, es hat mir immer Sicherheit und einen meist sehr deutlichen Fahrplan gegeben.

Nun fragt mich das Mädchen vorne links, ob ich das bis zur Rente machen will und es ist kein Ja zu hören. Eher ein Vielleicht: Ich sage, dass ich es nicht versprechen kann. "Kann ich gar nicht glauben, sie erzählen so schön", sagt sie. Tatsächlich habe ich vorhin von unendlich vielen guten Dingen berichtet. Ich habe unter anderem erzählt, dass ich in meinem Job sogar Dinge verändern kann und Beispiele genannt. Ich habe die Frage nach der wichtigsten Geschichte meines Lebens mit "der über XL" beantwortet und alles ausgepackt. Ich habe von anderen bedeutenden Artikeln erzählt. Ich habe geschwärmt, das alte Kribbeln tauchte wieder auf. Ich habe zehn Jahre Laufbahn an ihnen und vor allem an mir vorbeifliegen lassen. Unglaublich, ich bin noch recht jung und schon ein alter Hase, so lange bin ich dabei.

Gelernt ist gelernt


Ob ich das ewig machen will, weiß ich in dieser Sekunde trotzdem nicht. "Vor fünf Jahren hätte ich noch ganz klar und ohne Zögern Ja gesagt", sage ich dem Mädchen nun, "aber die Dinge ändern sich. Ich sage ja auch nicht Nein." Sie guckt immer noch ein bisschen enttäuscht. "Weißt du, wenn die Bedingungen immer schlechter werden, kommt man schon ins Grübeln." Immer weniger Personal in allen Bereichen vom Sekretariat bis zur Druckerei und immer mehr Aufgaben, generell immer schlechterer Ruf für Journalisten, die freien Kollegen werden nicht fair entlohnt - das Mädchen versteht. "Und außerdem bin ich jetzt in so einem Alter, wo man überhaupt viel grübelt. Ich habe zwar noch ganz gaaanz viel vor im Journalismus, aber ich kann vielleicht auch noch viel mehr als nur das", sage ich und das Mädchen nickt.

Die Glocke läutet zur Pause. Die Schulstunde ist vorbei. Sie tat gut. Es ist lehrreich für beide Seiten, wenn man mal ehrlich ist. Ich erinnere mich wieder. Ich erinnere mich wieder, warum ich als Kind diese Entscheidung getroffen habe und dass sie gut war.

* Doch, das werde klappen, sagt ein anderes Mädchen und weist auf den Jungen auf der letzten Bank, der bereits Vater ist. Das werde ich doch sehr wohl noch schaffen, sogar mit Enkeln. Ist ein Deal, Mädchen!

** Vielleicht sollte ich Volontäre unterrichten, damit die wirklich mal was auf dem Kasten haben.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Draußen vor der Redaktion

Ein Monat, der zwei Stürme beinhaltete, geht zu Ende. Wenn ein Sturmtief schon "Herwart" heißt, muss man nichts Gutes mehr erwarten ... was für ein selten dämlicher Name. Und so gab es auch jede Menge Ärger mit "Herwart" und seinem Kumpel "Xavier". Mich haben "Xavier" und "Herwart" daran erinnert, dass Journalismus draußen vor der Tür stattfindet.

Nicht, dass wir nicht doch Schreibtischtäter sind. Es ist schon gut, dass Artikel noch immer an Schreibtischen verfasst und nicht zwangsweise auf irgendwelchen Ackern getippt werden müssen. Es ist praktisch und bequem, dass man für den Job oft auf einem guten Stuhl sitzen kann und nicht kopfüber von einer Decke hängt. Und zum Journalismus braucht es ganz sicher nicht nur die, die draußen sind.

Journalismus ist es auch, ein sogenannter Blattmacher zu sein und über Themen und Layout zu entscheiden. Man ist den ganzen Tag drinnen, oft in klimatisierten Räumen und schaut (zu), wie sich Stück für Stück eine Zeitungsseite füllt. Es muss jemanden geben, der Aufgaben verteilt und Anweisungen gibt. Es ist auch ein Teil von Journalismus. Ohne geht es nicht. Und ohne ist das sicher auch nicht. Aber nur am Schreibtisch sitzen? Immer schön im Warmen bleiben? Nein, ich möchte das nicht. Für mich ist das nicht Journalismus. 

Vor der Tür


Für andere auch nicht. Als "Xavier" über das Land fegte, war ich mit dem Fotografen draußen. Leser - steht nach wie vor zu vermuten - wollen informiert sein, was draußen vor der Tür geschieht, auch wenn sie sich selbst nicht mehr raustrauen würden. Der Wind peitschte uns ins Gesicht und die komplette Ausrüstung zitterte im Wind. Mich schob eine Böe einmal von rechts nach links. Wir wurden so nass, dass unsere Hintern nach unserer Rückkehr von draußen noch eine Stunde später feuchte Abdrücke auf unseren Bürostühlen hinterließen. Noch im Wind brüllte er mir zu, wie "geiiil" das jetzt gerade wäre.

Ist es auch. Es ist unbequem und anstrengend in gewissen Situationen draußen zu sein, aber es ist unmittelbar und deshalb toll. Ich möchte nicht den ganzen Tag in einem Büro eingesperrt sein. Ich stehe lieber im Sturm und riskiere, dass mir ein Dachziegel auf den Kopf knallt als im Warmen zu sitzen und zu warten, dass sich die Geschichte bei mir meldet. Lieber hätte ich in meiner Traueranzeige stehen, dass ich im Job gestorben bin als dass ich wegen meiner bequemen Arschplattsitzerei auf dem Bürostuhl ein verfettetes Herz hatte. Für Journalismus braucht es freilich mehr als Sturmeindrücke. Es macht einen nicht zum besseren Journalisten, Blaulicht-Reporter zu sein. Es macht einen nur zu einer besonderen Gattung. Eine Zeitung besteht nicht nur aus "Katastrophen"-Berichten. Der gemeinsame Nenner "draußen" aber bleibt. 

Was bleiben muss


In einer Zeit, in der Journalismus - und gerade der Lokaljournalismus - immer mehr auf Effizienz gebügelt und die Produktion von Artikeln zum Fließband-Output von Zeilen geraten soll, müssen einige Dinge heilig bleiben.

Man darf als Journalist nicht ernstlich erwarten, dass einem ein Mensch, den man aus welchen Gründen auch immer porträtieren will, seine Lebensgeschichte am Telefon erzählt. Man darf als Journalist nicht ernstlich erwarten, dass die Menschen einer Stimme, die sie nur vom Telefon kennen, trauen können. Man muss als Lokaljournalist die Stadt gut kennen und sie täglich erleben. Man muss als Lokaljournalist die Dörfer wenigstens besuchen, über die man schreibt. Man sollte als Lokaljournalist die Gemeinderäte live erleben und nicht nur Beschlussvorlagen abtippen. Man mus sich für Menschen Zeit nehmen. Man muss viel.

Wie kannst du vom Schreibtisch aus Dinge beschreiben, die du nicht gesehen hast? Wie kannst du vom Schreibtisch aus Sachen schildern, die du nicht erlebt hast? Wie kannst du über einen Menschen schreiben, den du nicht kennengelernt hast? Wie kannst du nur vom Schreibtisch aus die Geschichten auftun, die einfach erzählt werden müssen? Wie kannst du wissen, was abgeht, wenn du kaum raus gehst? Schriftsteller können Fantasie nutzen. Journalisten sollten die Finger davon lassen.