Dienstag, 11. Dezember 2012

Der große Unbekannte

Zwischenmenschlich läuft es eher kompliziert bis gar nicht zwischen uns Journalisten und unseren Lesern. Weniger Beziehung geht eigentlich gar nicht. Wir kennen uns nämlich gar nicht! Nun gut, im Lokalen mit seinen Gartenzäunen und privatberuflichen Verquickungen weicht das natürlich gerne mal auf, bringt der konstruktiven Kritik aber auch nicht viel - was schließlich nützt es, wenn der Nachbar oder flüchtige Bekannte das allgemeine Blabla zum Wetter mit einem kleinen Gefälligkeitslob des jüngsten Textes einleitet? Im Kern der Sache bleibt eine bittere Erkenntnis für uns Printjournalisten: Der Leser ist der große Unbekannte in unserer kleinen Zeitungswelt. Wir kennen den Leser nicht! Wir kennen nur seine Zahl, nennen es Auflage und bekommen das große Zittern, wenn diese sinkt ... und das tut sie eigentlich immer. Wir wissen nicht, was der Leser von uns erwartet, was er mag, wie er uns und was er haben möchte. Der Leser, das unbekannte Wesen ...

Als Zeitungsmacher weiß man trotz regelmäßiger redaktionsinterner Blattkritik kaum, ob die eigenen Artikel nur von den eigenen Kollegen (schon das ist kaum zu beweisen) oder tatsächlich von den eigenen Lesern gelesen werden - ob sie gut oder schlecht ankommen, weiß man also auch nicht. Abhilfe können auch wissenschaftliche und teure Verfahren schaffen, die uns den Leser näher bringen sollen. Der Readerscan kann mittels ausgefeilter Elektronikspäße genauestens aufzeigen, was gelesen wird oder wo im Text der Leser aussteigt - am Ende steht eine Lesequote, die auch in meiner Redaktion grad wieder diskutiert wird. Schön. Aber: Am liebsten aber würden wir Journalisten das alles gar nicht so genau wissen. Wir haben alle zu großen Schiss! Ich jedenfalls. Es könnte ja rauskommen, dass ausgerechnet man selbst gar nicht gut ankommt und ausgerechnet uns keiner in der Zeitung sehen will. Die Eindrücke solcher Scans in den vergangenen Jahren lassen sich aber, Geld kann man ja sparen, aufs Printwesen insgesamt übertragen. Was also tun, wenn der Leser mehr Sex & Crime haben will? Jedem Polizei- und Feuerwehreinsatz hinterher und richtig blutige Fotos machen, die dann nebst detailreicher Beschreibung des verunglückten Fahrzeugs und Opfers in der Zeitung erscheinen? Dazu noch ein bisschen boulevardesk im Privatleben des Verunglückten stöbern, notfalls Schmiergeldchen zahlen und dann Zeilen wie "Mann schrieb noch schmutzige SMS an seine Geliebte, war abgelenkt und fuhr gegen Baum" in die Zeitung rotzen? Die schmutzige SMS dann ganz exklusiv online auf dem Nachrichtenportal der eigenen Zeitung veröffentlichen, damit alle Seiten des Verlags was Gewinnbringendes davon haben? Dann muss man sich abends wahrscheinlich den Mund mit Seife ausspülen oder sich regelmäßig das eigene Hirn mit Alkohol betäuben ... Job ist aber Job. Was tun, wenn der Leser uns einfach anschwindelt, weil er ja trotz unserer Nichtbeziehung nicht schlecht vor uns dastehen will und behauptet, er stehe ja total aufs Hochtrabende, schätze unseren Intellekt und tiefsinnige Essays? Dann mühen wir uns eben damit ab, heben alles auf ein intellektuelles Podest und schreiben doch an der breiten Masse - die unsere Jobs letztlich (mit)finanziert - vorbei.

Doch nicht nur diese Grundlinien sind große Unbekannte des Printwesens geworden. Etliche Fragen türmen sich vor uns Zeitungsmachern auf. Wir alle stellen sie uns, mal öffentlich, mal im stillen Kämmerlein unseres geistigen Hinterstübchens. Wie lang oder kurz sollte ein Text sein? Mögen die Leser klein- oder großteilige Layouts? Wollen sie gerne mal intellektuell gefordert werden, lesen sie gerne mal zwischen den Zeilen? Oder muss alles einfacher werden? Sich der Schnelllebigkeit anpassen, in wenigen Minuten zwischen Kaffee, PC und Morgenmagazin konsumierbar sein? Sollen mehr und größere Bilder in die Zeitung? Ist die Sportseite wirklich wichtig? Die Kulturseite? Macht der Bericht über ein Kita-Fest irgendeinen Sinn? Wollen ihn nicht mal die Eltern und Großeltern haben? Wen interessiert eigentlich der Bericht vom Weihnachtsmarkt, wenn er doch selbst dort zu Besuch gewesen sein kann? Werden am Ende vielleicht nur die Traueranzeigen gelesen? Welchen Stil bevorzugen die Leser? Locker und flockig? Amtlich und trocken? Was ist ein guter Text? Was ist ein schlechter Text? Was können wir besser machen? Was sollten wir lieber lassen? Ist die Zeitung zu ernst? Sollte mehr Witz rein? Macht eine Kolumne Sinn? Ist die Meinung und Sichtweise des Journalisten überhaupt gefragt? Kommen die eigenen Ideen eigentlich an? Wer kommt bei den Lesern an und was ist sein Geheimnis, sollten wir alle so schreiben? Was nervt den Leser nur? Wird die Arbeit geschätzt oder ist sie wirklich Wegwerfprodukt? Mehr knallharte Recherchen, die einem Leser die Schlechtigkeit der Welt aufzeigen? Oder mehr heile Welt, kuschelig und flauschig? Mehr personalisierte Geschichten über den Mann ums Eck? Mehr Verlautbarungen der Mächtigen? Was will der Leser eigentlich? Am Ende bleibt eine Frage:  
Mehr oder weniger?  
Mehr oder weniger Zeitung, mehr oder weniger (Qualitäts)Journalismus?

UPDATE: ... to be continued ...

Zusammenfassung für meinen Mann: Die Antworten auf all die Fragen könnten langfristig meine Jobwelt sichern - könnten!

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