Samstag, 6. Februar 2016

My office-office is my castle

Schöne neue Technikwelt. Das neue Redaktionssystem "meiner" Zeitung erlaubt es, von überall zu arbeiten. Also von überall dort, wo man Internetzugang haben kann. Also vermutlich nicht von Brandenburg aus. Man muss nicht mal mehr den Weg wie früher gehen und dem Chef einen Text per Mail schicken, wenn man mal nicht in der Redaktion ist. Nein, man kann den Text bei Bedarf und Lust und Laune von der heimischen Couch direkt auf die Zeitungsseite schreiben. Oder direkt online stellen. Und dabei kann man noch dazu direkt sehen, wie weit der Produktionsstand des Tages ist.

Es gibt Kollegen, die nutzen dies alles gerne fürs Home-Office oder das Arbeiten vom Sonstwo. Ein Kollege arbeitet zum Beispiel meistens nicht mehr direkt in der Stadt, über die er berichtet - sondern vom Haupthaus in 30 Kilometern Entfernung aus. Eine meiner Kolleginnen habe ich sogar seit gut sechs Monaten nicht mehr gesehen oder gesprochen, sie ist lieber daheim. Sie gelten als produktiver und effizienter. Da frage ich mich doch: Kann ich das auch?

Klar. Kann ich. Es ist ja einfach: Man setzt einfach zusätzlich zur längst gang und gäbe gewordenen privaten Kamera und dem privaten Handy noch den heimischen Rechner ein und schon kann es losgehen. Im privaten Gefilde. Im Schlafanzug, wenn man mag. Als großer Freund der auf Selbsterfahrung basierenden Recherche habe ich einen knapp zweistündigen Test gemacht:
Der Kaffee bei mir daheim ist deutlich besser als in der Redaktion. Ich stelle fest, dass der Knopf an meiner Schlafanzughose locker ist. Ich trinke noch einen zweiten Kaffee. Ich blicke in das Regal neben mir und meine, dass ich Stifte sortieren könnte. Ich sehe die Yogamatte. Nein, doch nicht. Heute Abend. Disziplin muss sein. Außerdem hab ich Hunger, fix ein Müsli gerührt. Mir fallen meine Zimmerpflanzen und deren Vernachlässigung auf - sie haben quasi mit hängenden Blättern gewunken. Fertig. Ich habe eine Menge CD's im Schrank, die ich lange nicht gehört habe. Das tippt sich gut, tippen nach Beat. Ich muss nachschlagen. Mein Schreibtisch ist ziemlich klein, das aufgeschlagene Notizbuch passt kaum neben den Laptop. Bei Ikea finde ich nicht gleich auf Anhieb einen Beistelltisch, der meinem Geschmack und den Platzverhältnissen entspricht. Das ist blöd. Aber die Musik ist gut. Da kann ich doch noch mal fix einen Discofox mit dem Besen durch die Küche tanzen. Ich fange an dabei mit mir selbst zu reden. Jetzt reicht's.
In einem Job, in dem die Grenzen zwischen Beruf und dem Privaten schon viel zu oft verwischen, fürchte ich noch mehr um die Abgrenzung. Mir fehlen meine Kollegen. Die gut gelaunte Sekretärin. Der Kollege, der mir was vom Bäcker mitbringt. Ich will mit Menschen kommunizieren. Von Angesicht zu Angesicht. Ich will mich von Menschen ablenken lassen. Ich will Scherze machen und lachen. Ich will einen Arbeitsweg, der etwas länger als zwei Meter ist. Ich will ins Büro nebenan gehen und Ratschläge geben und bekommen. Ich will mit den Augen rollen, wenn der Kollege zum x-ten Mal die gleiche "blöde" Frage stellt. Ich will ihn vom Arbeiten ablenken, während ich auf das Kochen meines Teewassers warte. Ich will mit den anderen Mittag essen. Dabei tauschen wir uns über Ideen aus und entwickeln neue. Wir kritisieren uns konstruktiv. Ich will ein Redaktionsleben! Home-Office? Ohne mich!

Die Heidi Klum der Büros: Hübsch anzusehen,
kann aber sonst nicht viel und nervt irgendwann.

Ausnahme: Wenn ich abends, nachts und wochenends mal wieder zu einem Einsatz der Feuerwehr ausrücke und möglichst schnell davon berichte, ist die schöne neue Technikwelt fast unbezahlbar. Ich könnte noch vom Einsatzort die erste Nachricht absetzen. Ich kann mich auch wieder in den Schlafanzug kuscheln, den lockeren Knopf ignorieren und meine Arbeit tun. Ein bisschen Adrenalin hilft beim Konzentrieren. Wenn ich dann später neue Infos im Nachgang des Einsatzes bekomme oder hochschrecke, weil mir noch was einfällt, dann muss ich nicht mehr mitten in der Nacht mit der Jeans überm Schlafanzug in die Redaktion huschen. Ich kann schneller sein als andere Medien. Effizienter und produktiver. Ich habe es getestet und weiß nun: Dann mag ich sie, die schöne neue Technikwelt.

Dienstag, 5. Januar 2016

Hund, bunt trifft Headhunter

Es ist ganz nett als Journalist in der eigenen Heimatstadt zu arbeiten. Man macht sich einen Namen (einen guten Namen im Idealfall), fällt immer wieder positiv bis negativ auf und wird dadurch erkannt. Das kann natürlich auch nerven. Oft sogar. 

Kneipenausflüge werden bei mir auch mal mit "Trinken Sie heute privat oder beruflich?" kommentiert, morgengrauende Ausflüge zum Bäcker mit "Na, Sie sehen aus als hätten Sie eine Nacht durchgeschrieben!" und neulich wurde im Wartezimmer mein Bildchen im Zeitungskommentar mit der Realität abgeglichen. Ein bisschen befremdlich für mich ist es auch, dass meine Frauenärztin während der laufenden Untersuchung mit mir über meine Artikel sprechen mag. Nur mein Zahnarzt hat eingesehen, dass ich nicht immer antworten kann und will. 

Und wenn ich grad im Drogeriemarkt Klopapier, Spülmittel, Tampons, Kondome, Mottenfallen oder Kontaktlinsenreiniger auswähle, fordert dies meine Konzentration an sich in einem so ausreichenden Maße, dass ich gerade mal nicht mehr über die Stadtpolitik, die Medien an sich oder andere Ärgernisse sprechen mag ... Aber manchmal ist es doch gut, in solchen Momenten als "Sie, Sie sind doch die von der Zeitung" aufzufallen. Auf dem Arm drei Packungen Tee und eine Flüssigseife klingelte heute ein süßes "Wie muss man sich denn da bewerben, dass Sie mal zu uns kommen? Was muss man da genau machen?" in meinem Ohr. Der kleinstädtische Headhunter hatte mich vor der Flinte und drückte ab!

Ich befülle die lokale Zeitung regelmäßig mit etwas, das ich "Jobserie" nenne. Darin - es ist inzwischen rund 25 Mal geschehen - versuche ich einen Tag beziehungsweise eine Schicht lang andere Berufe und schreibe über all das, was ich dabei erlebe, erfahre und empfinde.Ich war mal Bibliothekar, Kindergärtner, Tierpfleger, Feuerwehrmann, Polizist, Bademeister, Schokoladenfabrikant, bei einem Abwasserzweckverband (schöne Scheiße), im Museum, Stadtführer, Kulturamtsleiter ... Als ich mir mal dachte "Na, das nutzt sich doch aber alles ab" und das Projekt gezielt durch Nicht-Aktion einschlafen lassen wollte, verlangten Leser per "Wann kommt denn da mal was Neues?" und "Aber das war doch immer schön!" danach. Also ging es wieder los ... dann ließ ich es wieder dümpeln, schon weil man für so viele Berufe so verdammt früh aufstehen muss ... es kamen wieder Fragen ... es ging wieder los ...

Zuletzt gab ich Gastspiele als Melker, Straßenwärter und bei der Tafel. Ich musste wieder so verdammt früh aufstehen. Aber einschlafen lassen? Geht nicht. Sobald meine Selbsterfahrungswerte wieder regelmäßig zu lesen sind, kommen die Angebote und Fragen erst recht ins Haus. Beziehungsweise zwischen den mittagspausigen Einkauf im kleinen Supermarkt um die Ecke, der meine Versorgung sichert. Letztens fiel ich auch mal einer Putzfrau vor die Füße, die mir prompt ihren Job anbot. Einer von der Bundeswehr will mich kriechen sehen. Und dann komme ich auch selbst wieder auf so Ideen ... einen Tag Chefredakteur ... Bundeskanzler ... hach

"Wie muss man sich denn da bewerben, dass Sie mal zu uns kommen? Was muss man da genau machen?" ... für eine Sekunde dachte ich daran, mir einen kleinen Spaß zu gönnen und mir für ein mehrstufiges Auswahlverfahren irgendein Formular mit drei Durchschlägen und 23 sinnfreien Vorschriften (nur weiße Blumen in der Garderobe von Frau Jacob, den Champagner stets bei 13 Grad halten,  ...) auszudenken ... so ein bisschen Mariah Carey steckt ja in jedem von uns ...

Dann fiel mir ein, wie lieb die Damen im kleinen Markt meines Vertrauens immer zu mir sind und dass es eigentlich dumm war, nicht selbst drauf zu kommen. So klärte ich prompt, dass sie mit ihrer Frage schon genug der Bewerbung um meine Dienste getan hat. "Ach, das wäre schön wenn Sie zu uns kommen, das ist immer lustig mit Ihnen!", sagte sie. Ich frag sie dann mal, woher sie das eigentlich wissen will. Wenn der Vorstand der lieben Handelskette zustimmt, darf ich mich hinter Kasse und Wursttheke schwingen, zwischen Getränkekästen und Tiefkühlwaren buckeln. Hoffentlich muss ich nicht so verdammt früh aufstehen ...

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Alle Jahre wieder

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, beliebt eine Kollegin mantra-artig zu wiederholen. Damit, glaube ich, rechtfertigt sie auch ein bisschen, dass sich im Journalismus und auch im Lokaljournalismus bestimmte Dinge wieder und wieder wiederholen ... warum auch nicht? Wenn's gut ist? Oder zumindest gut gemeint. Es ist also an der Zeit für meinen traditionellen Weihnachtspost-Post:

Wie schon in den Vorjahren lassen Welt- und Wetterlage kaum vermuten, dass Heiligabend ist. Ist aber so. Es ist anzunehmen, dass ich aus diesem Grund einige Geschenke überreicht bekommen werde... Aber das brauche ich eigentlich nicht, denn ich bin schon mehr als reich beschenkt: mit einer wunderbaren Familie und wahren Freunden (der Freuamilie). Dass ich bin wie ich bin, ist das Werk unfassbar toller Eltern. Mein kleiner Bruder ist wie mein bester Freund. Mein bester Freund ist wie mein vierter Bruder. Ich bin eine von den Jungs. Ich lerne - auch durch meinen Job - jeden Tag fürs Leben. Und ich bin reich beschenkt mit vielen Lesern, die nicht einfach nur konsumieren, sondern reagieren - kritisch und konstruktiv.

Also wiederhole ich mich genau wie 2014, 2013 und 2012: Ich danke Euch! Fürs Lesen. Hier und in der Zeitung. Ich danke für Anregungen, Tipps und Vorschläge. Danke für Eure Begleitung auf dem Jacobsweg ... mit all seinen Umwegen, Abbiegungen, Stolperfallen, den schnellen und langsamen Passagen, mit seiner Geradlinigkeit und dem manchmal schlechten Orientierungssinn, vielen Dank für Kompass und Karte, das Anfeuern, Wegweiser und die Stoppschilder. DANKE!!!

Alle Jahre wieder: textile Botschaft!


Dienstag, 1. Dezember 2015

High Five

Heute bin ich auf den Tag genau fünf Jahre als Journalistin für die lokale Tageszeitung meiner Heimatstadt tätig. Im Geschäft bin ich - vom ersten Praktikum und über das Volontariat gerechnet - schon seit 15 Jahren. Journalist werden wollte ich schon mit zehn. Ein bisschen Journalistik studiert habe ich auch (steht alles in der Vita). Vor allem die vergangenen fünf Jahre haben mich viel gelehrt, - auch über mich - hier mal eine kleine Auswahl:

Feuill-e-ach-was...

Obwohl ich unbedingt "was mit Medien" machen wollte, habe nicht direkt Journalistik studiert, sondern meinen Magister in Literaturwissenschaften und dann später ein Volontariat gemacht. Ich glaubte mit Anfang meiner 20er-Jahre nämlich noch, dass ich eines Tages im Feuilleton arbeiten werde. Meinen beruflichen Alltag als Journalist stellte ich mir ungefähr so vor: eine Menge Kaffee und Tee trinken, jeden Tag Bücher lesen und darüber und über sie schreiben, Theater- und sonstige Vorstellungen besuchen und diese rezensieren, nach intensivem Konsum TV-Kritiken verfassen. Künstler aller Art treffen, Ausstellunngen besuchen. Kurzum: Geld mit dem verdienen, was andere Freizeit nennen würden. 
Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen. So spannend Kultur auch ist, so stelle ich mir diesen Arbeitsalltag für mich doch als zu wenig abwechslungsreich und zu verkopft dar. Nicht erst seit heute bin ich stolz, Lokaljournalist zu sein. Ich bin Generalist. Böse Zungen behaupten über Lokaljournalisten, sie könnten nichts richtig. Also ich kann ein richtig guter Journalist sein. Und als solcher schreibe ich zwischen vielen anderen Dingen sogar über Kultur und rezensiere. Und dann überschneiden sich Beruf und Freizeit oft genug. Gut so!

Die Kirche im Dorf lassen...

Ich war sieben oder acht Jahre alt, meine beste Freundin ging in die Christenlehre und manchmal erzählte sie mir davon, wenn wir uns nach der Grundschule zum Spielen trafen. Wenn ich dann abends ins Wohnzimmer linste, wo meine Eltern die Nachrichten sahen, sah ich Bilder von Krieg und Hunger auf der Welt. Ich beschloss, dass es keinen Gott geben kann. Fortan wusste ich mit Religion und Kirche nichts anzufangen. Was auch immer ich von dort hörte, kam mir mindestens altbacken und überholt vor. Und verzichtbar.
Ich glaube noch immer nicht an Gott. Aber ich glaube, dass die Kirche wichtig ist. Gerade im ländlichen Raum. In den vergangenen fünf habe ich eine Menge toller Pfarrer kennenlernen dürfen. Ich habe erlebt, wie Jugendarbeit bei der Kirche aussieht und dass manche junge Band keinen Probenraum hätte, wäre da nicht das Gemeindehaus. Ich habe gesehen, wie viel unabhängig von Glaubensbekenntnissen für Kinder, Senioren und Behinderte getan wird - und sei es nur durch das Zuhören und sich Zeit nehmen, das andernorts nicht mehr oder kaum stattfindet. In den vergangenen Monaten habe ich gesehen, wie sich Kirchenvertreter für Flüchtlinge engagieren. Ich habe für mich erkannt, dass es ohne die Kirche nicht geht.

Action, bitte

Mir war klar, dass der Job des Journalisten nicht Nine to Five mit geregelten Arbeitszeiten funktioniert.  Aber zum Großteil, hoffte ich sogar noch, kann man sich darauf einstellen, dass es alles planbar ist. Und wenn mal eine Sache wie der abendliche Termin länger dauert, kann man sich ja darauf einstellen und am nächsten Tag später ins Büro. Alles läuft in geregelten Bahnen und Pläne umschmeißen muss man nicht. Dienst nach Vorschrift ist möglich und am Anfang eines Tages weiß man, was er bringt.
Ich habe gelernt: Es ist auch im Journalismus Vieles gut planbar. Man kann den Job zwar nicht immer aber meist sogar als Nine to Five, naja eher Six begehen. Muss man aber nicht. Zum Glück. Scheiß auf "Dienst nach Vorschrift". Ich mag Freizeit, ich habe gerne Zeit für mich, meine Familie und Freunde. Ich komme aber sehr gut damit klar, wenn meine Planungen in Sekunden über den Haufen geworfen werden. Ich stehe auf Action. Wollte ich früher (siehe oben) meine Spezialisierung in Richtung Feuilleton vorantreiben und ein bequemes oft couchbasiertes Leben führen, rutsche ich seit mindestens drei Jahren ins Blaulichtmilieu ab und stelle fest: Ich funktioniere unter dieser Art Stress besonders gut, ich bin inzwischen routiniert. Ich stehe gerne auf der Straße, ein Haufen Kerle um mich und mache Arbeit, die sonst nicht jeder machen will. Blaulicht und Martinshorn. Wenn die Sirenen gehen, schießt mir das Adrenalin in die Adern - und ich mag das. Wann immer was im Blaulichtmilieu passiert, versuche ich dabei zu sein (lest hier) und es möglichst schnell als Nachricht online zu veröffentlichen. Und das Beste: Alle meine Lieben haben Verständnis dafür. Mein Papa würde sagen: "Da machste wenigstens keinen anderen Blödsinn."

Was bewegen...

Einfach mal einen netten Artikel schreiben, den Lesern eine nette Zeit bereiten und das war es dann. So in  etwa stellte ich mir das vor. Es versendet sich alles, hatte ich beim Radio gelernt, und irgendwie war mir diese nicht vorhandene Nachhaltigkeit und Wirkung von Journalismus auch über weiteste Strecken ganz recht. 
Heute weiß ich, wie viel Einfluss meine Arbeit beziehungsweise wie viel Einfluss ich haben kann. Und das setze ich bewusst ein. Es nervt mich, wenn ich so rein gar nichts bewirke und erreiche. Mein Ziel ist es, zumindest meine kleine lokale Welt ein bisschen besser zu machen. Indem ich über Missstände berichte, Politik transparenter mache, Diskussionen anstoße, den Finger in Wunden lege, Anregungen gebe, Leuten den Spiegel vorhalte. So habe ich schon manches erreicht - unter anderem Verbesserungen für Menschen mit Behinderung, weil ich immer wieder gebohrt habe. So regte ich in der Verwaltung zum Nachdenken und Umsetzen neuer Ideen wie der eines sogenannten Treppensteigers für das bis dahin nicht zugängliche Museum in meiner Heimatstadt an. Der Treppensteiger ist natürlich nicht allein auf meinem Mist gewachsen, aber ich habe - und darauf bin ich wirklich stolz - dazu beigetragen, dass er beschafft wurde. Aber auch indem ich den Lesern einfach mal eine nette Zeit beim Lesen bereite, bewege ich ein wenig. So habe ich zum Beispiel eine Jobserie im Blatt, in der ich in der Ich-Perspektive über meine Selbsterfahrungswerte anderer Berufe (Müllfahrer, Tierpfleger, Kindergärtner, Sekretärin, Straßenwart ...) schreibe. Die Botschaft, immer wieder: Respekt!

Heller-Moment

Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps. Nun ja. So einfach zu trennen ist das nicht. Eine Frau, mit der ich aufgrund ihrer Pressesprecher-Funktion eigentlich nicht so dicke sein sollte, erzählte mir diverse Male, dass ich der "Kommissarin Heller" vom ZDF ähnlich sei. Die vierte Folge habe ich mir dann mal in der Mediathek reingezogen. Mit diesem Ziel: die Sprüche der Freundin durch fundierte Gegenrede abwehren. Dann besorgte ich mir auch die anderen Episoden und schaute die.
Ich sah (es ein): Heller ist der Typ Kumpel. Vielleicht nicht mal das. Spröde irgendwie, manchmal unterkühlt. Ein Arbeitstier bis an die Grenzen der Selbstausbeutung, fähig über die Grenzen zu gehen. Verheiratet mit ihren Beruf, ihrer Berufung. Eine, die schnell alles checkt und den Durchblick hat und der Dinge auffallen, die sonst keiner sieht. Intuitiv und nicht gefühlsduselig. Taff, selbstbestimmt - und doch seelisch irgendwie angeschlagen. Verzieht oft keine Miene, dann sagen ihre Augen manchmal auch wieder alles. Trotzkopf. Ein bisschen androgyn vielleicht. Charismatisch. Witzig. Sie erinnere manchmal an Schimanski, meint sogar eine Autorin im Feuilleton der Welt. Wenn Heller in ihre Wohnung kommt, will die Ruhe im Karton und kein Gesülze, weil sie sich eh Arbeit mit nach Hause genommen hat. Männer? Klar. Für ein paar nette Nächte - aber sobald das Diskutieren und Rumnörgeln über ihren Job und ihre Art losgeht, ist Schluss mit lustig.
"Ich habe keine Ahnung, wo zum Henker da eine Ähnlichkeit mit mir zu erkennen sein soll" ... gab ich mich mit mir selbst murmelnd selbstironisch, als ich "Kommissarin Heller" in ihrer ganzen Wucht sah. In "Schattenriss" zum Beispiel wird sie nach kurzer Nacht in einer Gruppe Angestellter und Kunden von Bankräubern entführt und als Geisel gehalten. Es gelingt ihr lange, ihre Identität als Polizistin zu verheimlichen. Dann wird sie enttarnt. Die Geiselnehmer halten ihr eine Knarre an den Kopf und fragen, ob sie ihren Job mag. "Ja, ich mag meinen Job", schluchzt sie kurz auf. Ich glaub, sie wutheult ein bisschen. "Es ist das einzige, was ich kann", sagt sie mit Tränen in den Augen. "Ach Mensch, ich weiß", möchte ich ihr auf die Schulter klopfen. Ich weiß, wie das ist. Denn sie meint eigentlich: Ich kann nicht anders. Ich kann nichts anderes sein.

Sonntag, 15. November 2015

Abstumpfen

Ich stand heute am Rande eines Verkehrsunfalls. Jetzt stehe ich kurz neben mir und frage mich, was mit mir ist. Was ist mit mir passiert? Wann hat das alles angefangen? Warum bin ich so kühl? Oder bin ich nur professioneller geworden? Und: Ist das schlecht? Oder gerade gut?

Verkehrsunfälle, Brände, Suizid auf der Bahnstrecke. Das kommt vor. Es gehört zu meinem Beruf, darüber zu berichten und vor Ort zu sein - ja, extra und schneller als die anderen vor Ort zu gehen, wenn so etwas passiert. Und wenn es passiert, bin ich voll bei der Sache und dabei (lest hier). Dass sich dabei an mir etwas ändert, habe ich im Frühjahr schon geahnt (lest hier) und vor ein paar Wochen ganz deutlich gespürt. 

Die Sonne schien Mitte September so arschfreundlich vom Himmel, dass wieder Sommer herrschte. Ein elendig blauer Himmel. Wärme. Ein Gefühl wie im Juli. Ich war genervt. Ich saß in meinem Auto und war auf dem Rückweg von einem Dorffest. Das empfand ich als dermaßen langweilig und aufgesetzt, dass ich in meinem kleinen Auto mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit und voll aufgedrehten Kraftklub-Songs dagegen anraste. Ich suchte zielgerichtet nach Titel 12 des aktuellen Albums. "Schöner Tag" feat. Casper. Ich wollte diese Zeilen auf den Asphalt pressen: 

Heute ist ein schöner Tag, die Sonne scheint
[...]
Ein schöner Tag, die Vögel singen
Als würden sie wollen, dass ich fröhlich bin
Ein schöner Tag, die Blumen blühen
Der Nachbargarten ist saftig grün
Heute lohnt es sich mal aufzustehen
Ein schöner Tag um draufzugehen!
So weit, so negativ. Doch gerade in dem Moment, in dem Casper und Kraftklub die folgenden Zeilen von sich rotzen ...
Keine Sorgen weit und breit, nur Geborgenheit
Und wer weiß, vielleicht ist es morgen schon so weit
Und dann ich bin reich, kauf ein Auto, leb den Traum:
180 km/h gegen einen Baum!
... erhielt ich die Nachricht, dass ein Hubschrauber abgestürzt sein soll - mitten in der Stadt, nicht mal weit weg von meinen Freunden. Ich peitschte also erst recht über die Straße und stellte nur eine Kurve weiter beim Blick aus dem Auto fest, dass das Blaulicht der Polizei auf einem Feld neben der Straße auftaucht. Ich sah kein Feuer. Ich sah keinen Rauch. Ich sah Blaulicht und einen kleinen Hubschrauber. 
Der Gedanke, dass es also keinen meiner Leute getroffen haben kann, wich schneller als mir im Nachhinein lieb ist dem Gedanken, dass der Absturz nun also nur wenig spektakulär sein kann. Angekommen auf dem Feld fand ich tatsächlich einen Hubschrauber kaum größer als mein Auto vor. Die Insassen hatten ihn verlassen. Und aus meinem Mund kam angesichts des leuchtend roten Klein-Hubschraubers der von einem Schulterzucken begleitete Satz: "Das sieht aus wie eins meiner missglückten Parkmanöver." Ich gebe zu: Ich war regelrecht enttäuscht, dass es am Ende so harmlos war. 
Was mich nun noch kickte - und nichts anderes wollte ich wohl in dem Moment -, war die erste Journalistin vor Ort zu sein und der Kampf gegen die anderen Blaulichtreporter. Das ist noch immer eine klassische Männerdomäne und eine, in der man schnell sein muss. Ich drückte auf die Tube, war genervt von allen Störungen dabei und schenkte den anderen Blaulichtreportern die volle Breitseite meiner Arroganz. Dass ich meinen Text und meine Fotos zuerst und fehlerfrei online hatte, das kickte mich. Das Adrenalin holte ich mir an der Tastatur und im Wettrennen gegen die anderen Medienhäuser und die Kerle dort, nicht auf diesem Feld. Aufgekratzt kam ich bei meinen Freunden an. Ich ließ es so aussehen, als sei es einfach ein kleiner Schock. Der setzte da tatsächlich langsam ein - beim Beobachten meines Selbst ... und beim Gedanken an den Song, der Hubschrauber war mir egal geworden.

In den letzten Wochen passierte wenig bis gar nichts im Blaulichtmilieu. Mir wurde langsam langweilig. Auch das gebe ich zu. Mir fehlte Adrenalin. Ich mag Adrenalin. Ich bin gerne schnell, schneller als andere. Heute kam es nun zu einem Verkehrsunfall auf einer Bundesstraße. Drei Verletzte. Ich kontaktierte den Fotografen und er wollte mich daheim abholen, sodass wir gemeinsam zum Einsatz fahren konnten. Dass sieben Minuten bis zu seinem Eintreffen vergingen, war mir schon zu lahm und ich genervt. "Das nächste Mal mach ich das wieder allein", beschloss ich für mich. Allein bin ich schnell genug oder sogar schneller. Dann stand ich da. Es sah aus wie so ein Autounfall eben so aussieht, nichts Spektakuläres. Blech, Blaulicht und Rettungskräfte. Ich nahm es schlicht zur Kenntnis, es berührte mich null.

Klar, ich hatte nie erwartet, dass ich nach solchen Sachen in Tränen ausbreche oder schlecht schlafe, mir eine Therapie wünsche und Dinge verarbeiten muss. Das wäre fatal und es passierte nie. Aber: Kam ich früher zu Autounfällen dazu, dann zuckte mein eigenes in einem Unfall geschundenes Knie wenigstens noch. Das Gesehene berührte mich also. Kam ich früher zu Unfällen dazu, benutzte ich meine Kamera ganz bewusst, um durch sie das Gesehene zu einer Betrachtung durch eine Linse und es damit zu etwas zu machen, was ich nicht wirklich mit eigenen Augen sehe. Das Zittern hat Unfall um Unfall abgenommen. Inzwischen ist es gar nicht mehr da. Es ist weg. Ich brauche die Kamera nicht mehr als Schutzschild. Ich brauche sie nur noch zum arbeiten. Ich mache nur noch meinen Job. Da ist immer mehr Schulterzucken. Die private Person ist nicht mehr dort dabei. Und ich belächle Kollegen, die in solchen Momenten von einem katastrophalen Bild vor Ort sprechen, das alles "ganz grausam" finden, Großeinsätze herbeifabulieren, dramatisieren, laut leiden und sich mitunter noch Auszeiten nehmen wollen wegen solcher Einsätze. Ich finde, sie sind zu weich. Und ich finde alles halb so wild. Das sind ganz normale Einsätze. Berichtenswert und sonst nichts. Es könnte, es dürfte alles krasser, ja spektakulärer sein.

Ist es gut so? Ist es besser so kühl zu agieren und immer weniger an sich heranzulassen? Ist das ein Vorteil? Bin ich einfach nur Profi? Mache ich einfach nur meinen Job? Als Journalist und nicht als Mensch? Ist das schlimm? Ist meine Entwicklung schlecht? Habe ich inzwischen so viel Erfahrung mit den negativen Dingen, dass ich drüber stehe und sie besser einsortieren und daher kontrolliert annehmen kann? Bin ich auf- oder abgeklärt? Oder beides? Wäre das schlecht? Bin ich abgestumpft? Ist man abgestumpft, wenn man diese Entwicklung seiner selbst noch registriert?